Der moderne Hausarzt ist eine eierlegende Wollmilchsau, Grundversorger, Buchhalter, IT Fachperson und Jurist.
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Die eierlegende Wollmilchsau oder die Zukunft der Grundversorgung

19. April 2026
Tim Rohner
Tim RohnerGründer

Die eierlegende Wollmilchsau existiert nicht. Jeder weiss das. Trotzdem verlangen wir sie täglich, und zwar von unseren Hausärztinnen und Hausärzten.

Wer heute eine Praxis führt, soll exzellente Diagnostikerin sein, empathischer Begleiter, HR-Managerin, IT-Administratorin, Einkaufsverhandler, Buchhalter und, nicht zu vergessen, Unternehmerin. In einem System, in dem die medizinische Komplexität steigt und der Verwaltungsaufwand explodiert, ist das keine realistische Erwartung mehr. Es ist eine strukturelle Überforderung, die wir institutionalisiert haben.

Die Zahlen sind bekannt, aber sie verdienen es, laut ausgesprochen zu werden: Die Schweiz zählt heute ungefähr 9'200 praktizierende Hausärztinnen und Hausärzte. Das Durchschnittsalter liegt bei 52 Jahren. 32% sind über 60.1 Bis 2030 werden 22% in Rente gehen, bis 2035 sind es 40%.2 Zwischen 2020 und 2023 haben über 1'000 Praxen geschlossen, ohne dass eine Nachfolge gefunden wurde.3

Was «unternehmerisch tätig sein» wirklich bedeutet

Wenn Gesundheitspolitiker und Standesorganisationen von der «unternehmerischen Selbstständigkeit» der Hausärztinnen sprechen, klingt das nach Freiheit. In der Praxis bedeutet es oft: Einkaufstarife verhandeln, Praxissoftware evaluieren, Materiallieferanten vergleichen, Buchhaltungssoftware konfigurieren, Serverwartung koordinieren, und das alles neben vollen Sprechstunden.

Machen wir die Rechnung! Der durchschnittliche Praxisumsatz liegt bei rund CHF 450'000 pro Jahr und Vollzeitstelle. Internationale Studien beziffern den Anteil administrativer Tätigkeiten auf 21 bis 40% der Arbeitszeit.4 Bei 30% sind das rund CHF 135'000 Äquivalent an Zeit, die nicht am Patienten steckt. Wie viel davon fliesst zurück durch selbst verhandelte Labortarife oder optimierte Lieferantenkonditionen? Promille. Vielleicht.

Der echte finanzielle Hebel liegt nicht beim Einkauf von Verbandsmaterial und Evaluation von Software. Er liegt bei Prozesseffizienz, bei Personalkosten, bei der Abrechnung. Und genau dort arbeitet heute das meiste Personal auf manuelle, fehleranfällige Weise, weil die Systeme es nicht besser können oder wollen.

Die vermeintliche Freiheit, alles selbst zu wählen, ist oft eine Bürde, die als Autonomie missverstanden wird.

Was die nächste Generation wirklich will — und das seit 15 Jahren

Seit 2011 führt die Junge Haus- und Kinderärzt:innen Schweiz (JHaS) alle paar Jahre dieselbe Umfrage durch. Die aktuellen Ergebnisse, gerade im April 2026 in BMC Primary Care publiziert (Floriani et al., n=634), sind bemerkenswert konsistent und sie werden in der Gesundheitspolitik noch immer zu wenig ernst genommen.

74% der befragten jungen Ärztinnen und Ärzte wollen in einer Gruppenpraxis mit 2–5 Kolleginnen arbeiten. 24% sogar in noch grösseren Strukturen mit mehr als fünf Personen. Nur 3% wollen eine Einzelpraxis. Das ist seit 15 Jahren so.

Das Wunschpensum liegt bei 70%. Wenig überraschend, wenn man weiss, dass 35% der Befragten Kinder unter 6 Jahren haben. Den Notfalldienst findet fast die Hälfte grundsätzlich machbar; dieselbe Hälfte würde ihn trotzdem gerne abgeben. Und 62% streben Eigentümerschaft oder Miteigentümerschaft an.

Der entscheidende Punkt ist eigentlich banal: Diese Generation will medizinische Selbstbestimmung aber keine administrative Vollverantwortung. Das ist kein Zeichen mangelnder Berufsmotivation, sondern ein vernünftiges Urteil über ein System, das diese beiden Dinge bisher untrennbar miteinander verknüpft hat.5

Das iPhone der Grundversorgung

Steve Jobs hat seine Kunden nie gefragt, welchen Chiphersteller, welchen Antennenlieferanten oder welches Displayglas sie bevorzugen. Das Ergebnis ist ein Produkt, bei dem alles nahtlos zusammenspielt. Man kann keine Samsung-Kamera in ein iPhone schrauben. Aber der Gesamtfunktionsumfang ist deshalb besser, nicht schlechter. Die Entscheidungsfreiheit über einzelne Komponenten wurde durch etwas Wertvolleres ersetzt: ein kohärentes System, das in der Summe mehr leistet als jede Einzelentscheidung je könnte.

Genau nach diesem Prinzip denken wir bei cair.one.

Wir haben unseren Laborpartner gewählt, nicht weil er der günstigste ist, sondern weil die tiefe Systemintegration einen echten Mehrwert schafft: automatische Befundübertragung, integriertes Praxislabor, keine Medienbrüche. Die Buchhaltungslösung, die wir empfehlen, ist nicht die einzige auf dem Markt — aber sie ist nahtlos angebunden, weil wir sie von Anfang an als Teil des Systems konzipiert haben.

Die Ärztin kann bei cair.one nicht jede Komponente selbst wählen, dafür spielen alle zusammen, und das ist der eigentliche Wertbeitrag.

Die Wollmilchsau gibt es nicht

Das war schon immer so. Wir haben sie nur lange genug verlangt, um zu vergessen, dass sie nie existiert hat.

Die Zukunft der Grundversorgung liegt nicht darin, Ärztinnen und Ärzte zu besseren Allroundern auszubilden. Sie liegt darin, das System so zu bauen, dass man keine braucht. Dass Ärzte wieder zu 100% Ärzte sein können, weil die Infrastruktur hinter ihnen läuft, nicht gegen sie.

Das ist keine Utopie. Es ist eine Frage der Architektur.

Wir haben unsere erste Pilotpraxis in Zürich seit Oktober 2025 in Betrieb. Im Juni 2026 eröffnen wir unseren zweiten Standort an der Zürcher Hardbrücke mit Kapazität für bis zu sechs Arzt-FTE. Das Modell funktioniert. Jetzt geht es darum, es mit den richtigen Menschen zu skalieren.


Interesse, das Modell zu verstehen — oder mitzumachen?

Wir suchen Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeine Innere Medizin und Praktische Medizin, die Lust auf Medizin haben — und keine Lust mehr auf Verwaltung.

www.cairone.chcontact@cairone.ch


Quellen

Footnotes

  1. FMH. Ärztestatistik 2024. Schweizerische Ärztezeitung, Ausgabe 11–12/2025. 32,2% der Grundversorger in Arztpraxen sind über 60 Jahre alt; Durchschnittsalter 53,7 Jahre. fmh.ch

  2. mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz / Universität Basel. Workforce-Studie 2025 (n=1'776 Praxen, alle Kantone). hausaerzteschweiz.ch

  3. Masterarbeit Universität Zürich, publiziert via ZHAW Gesundheitsökonomie-Blog (Januar 2026). Analyse auf Basis von SASIS-Krankenkassenabrechnungsdaten. blog.zhaw.ch

  4. Untere Grenze (CH): Gerber T. et al. Measuring workload of Swiss general practice (2005–2020). Swiss Medical Weekly (2022). PMID 35752965 — Obere Grenze (CA): Ontario College of Family Physicians (OCFP). Administrative Burden Survey 2023 (n=1'300+). ontariofamilyphysicians.ca

  5. Floriani C., Forrer A., Habib L., Streit S. Work preferences and motivations of young general practitioners in Switzerland: findings from a cross-sectional survey of the Swiss Young General Practitioners Association (JHaS). BMC Primary Care (2026). doi:10.1186/s12875-026-03294-6

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